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Eine mehrfache Gastfamilie erzählt

 

Warum tut Ihr Euch das denn an? Ein fremder Teenager, in Eurem Privatleben, ein ganzes Jahr lang? Das ist doch Arbeit! Und dafür bekommt Ihr noch nicht mal was!

Das haben uns gelegentlich Freunde und Bekannte gefragt, wenn sie von unseren Plänen, einen Austauschschüler aufzunehmen, hörten - manchmal aus echter Neugierde, manchmal mit verständnislosem Kopfschütteln.

Als wir 2003 Mayra aus Bolivien als unsere erste Gasttochter aufgenommen haben, lautete meine Antwort erstmal immer: "Ich will etwas zurückgeben. Weil sich eine Familie in New Castle, Pennsylvania, 1977 entschlossen hat "sich das anzutun" , konnte ich mein AFS-Austauschjahr bei ihnen verbringen. Sie sind bis heute meine zweite Familie und das Jahr eine der bereicherndsten Erfahrungen meines Lebens. Ich will das auch jemand anderem ermöglichen.?

2005 dann haben wir Giulia aus Italien, 2007 Mild aus Thailand und 2009 Matt aus den USA aufgenommen, weil sich diese Zeit mit den "Kids" auch für uns als Familie ohne eigene Kinder als bereichernd, spannend und inspirierend herausgestellt hatte. Und jeweils viel zu schnell wieder vorbei war, was wir uns beim ersten Mal so gar nicht vorstellen hätten können.

Ja, es war anfangs jeweils natürlich auch Arbeit. Die Besuche beim Melde- und Ausländeramt, die Gespräche mit der Schule, die Bücher besorgen, einen passenden Deutschkurs finden, das Bussystem erklären und mal probefahren, den Gebrauch der Toilettenbürste demonstrieren, einen passenden Sportverein für das ersehnte Capoeira oder Jiu Jitsu oder einen Djembe-Kurs finden, die manchmal mühsame Kommunikation in der fremden Sprache mit manchen von ihnen. Doch nach ein paar Wochen waren sie hier zu Hause, kannten sich im Bussystem teilweise besser aus als wir und führten nach 2 Monaten ihre Gespräche in der Schule größtenteils schon selbst.

Und was hatten wir davon? Wir haben das Leben in den anderen Ländern kennengelernt, erst durch die Erzählungen der Kids und manche ihrer Verhaltensweisen, und später auch durch unsere Besuche dort. Wir wurden auf manche Selbstverständlichkeiten des Lebens hier durch ihr Erstaunen wieder aufmerksam. Dass unsere Autos unbewacht die ganze Nacht über auf der Straße stehen und (meist) am nächsten Morgen noch da sind. Dass man Antibiotika hier nicht einfach nach Gutdünken in der Apotheke kaufen kann. Dass wir hier doch auch viel zu Fuß gehen. Dass hier ab 16 Alkohol getrunken und geraucht werden darf. Dass die Züge (meist) fahren, wann es auf dem Fahrplan steht. Dass man hier nach dem Training in der Dunkelheit nach Hause gehen kann und im Normalfall nicht damit rechnen muss, dass man überfallen wird. Dass ein Fußgängerübergang von den Autofahrern ernst genommen wird. Und eine rote Ampel meist auch. Dass ein Teenager hier ein Gesprächspartner für einen Erwachsenen sein kann, der ernst genommen wird. Dass in der Schule eine eigene Meinung geschätzt wird. Und vieles mehr.

Und wir hatten Freude daran, zu sehen, woran Mayra, Giulia, Mild und Matt sich freuten. Mayra am Farbwechsel des Laubs im Herbst, was zu einer ganzen Blättersammlung in ihrem Zimmer führte. Mayra und Mild fasziniert vom ersten Schnee ihres Lebens, der vom Himmel fiel. Beide lernten hier schifahren, und Mild macht es noch heute. Matts Faszination über so viele historische Gebäude und die lange Geschichte Europas. Mayras Freudentränen beim Anblick des Eiffelturms, von dem sie ihr Leben lang geträumt hatte. Milds nicht zu bändigender Appetit auf Salami und Leberwurst. Giulia daran, dass sie mit Bus, Fahrrad und zu Fuß überall hinkam, wo sie wollte. Milds erster Weihnachtsbaum, auf dem seither Jahr für Jahr weiterhin auch der damals eilig hervorgekramte Elefanten-Schlüsselanhänger aus Thailand als Dekoration hängt. Giulias Spaß an der Ostereier-Suche, die wir allen veranstaltet haben, auch wenn es nicht mehr so ganz ?altersgerecht? war.

Matt hat auf seinen und unseren Wunsch hin nach 3 Monaten die Familie gewechselt. Wir hatten in unserem Alltag für seine Bedürfnisse zu wenig feste Struktur. Manche unabdingbaren Voraussetzungen für Wohlbefinden erkennt man eben erst, wenn sie grade nicht gegeben sind. Auch das kann passieren, dass Familie und Schüler auf dem Papier ideal zusammenpassen, in der gelebten Realität dann aber nicht. Er hat in seiner neuen Familie in Wiesbaden ein tolles  Jahr verbracht.

Mit den drei Mädels und ein paar weiteren, für die wir "Übergangs-" oder "Urlaubsfamilie" waren, sind wir heute noch in engem Kontakt. Alle waren zwischendurch auch mal wieder hier und wir dürfen weiterhin miterleben, "was so aus ihnen wird". Für alle war ihr Austauschjahr ein wichtiger Meilenstein in ihrem Leben.

In den Jahren, in denen ich dann die Gastschüleraufnahme hier im Komitee eng betreut habe, habe ich erlebt, dass es vielen anderen Familien so ähnlich ging wie uns ? meist klappt es wunderbar, manchmal ganz gut, gelegentlich aber auch halt nicht. Ein Versuch lohnt sich in jedem Fall!

Und so können wir diese Erfahrung nur wärmstens empfehlen - all jenen, die sich auch nur ein bisschen für fremde Kulturen interessieren, Teenager mögen, ein Bett und einen Platz am Tisch haben, und die Erfahrung machen wollen, wie sehr einem jemand ans Herz wachsen kann, den man ein paar Monate davor noch gar nicht kannte.

B. Mayer und G. Bauer